Lernen durch Lehren - die Schüler*innen machen die Stunde

Lernen durch Lehren (LdL) wurde im Jahr 1982 von Jean-Pol Martin für seinen Französischunterricht entwickelt. Die Idee dieses Lernarangement ist, dass die Schüler*innen ein Phänomen oder Thema selbst erarbeiten, aufbereiten und anderen Schüler*innen weitergeben. Informationen zur Geschichte, Entwicklung und Theorie findet ihr z.B.  hier. Ich möchte in diesem Artikel meine Vorgehensweise und Erfahrungen mit euch teilen und freue mich auf eure Anregungen, Gedanken und Fragen dazu.

 

Ich habe LdL in Nawi (Naturwissenschaften - Bio, Ch, Ph) Klasse 7-9 ausprobiert. Zu allererst in einer freien Schule, in der die Schüler*innen mit verschiedenen Formen des selbstorganisierten Lernens (Lernbüro, Projektunterricht, Logbucharbeit etc.) vertraut waren und zuletzt in einer staatlichen Schule, in der das selbstorganisierte Lernen bereits auf den Weg gebracht ist und  langsam wächst und gedeiht.

 

Chancen von LdL

Eine Chance dieser Form des Lernens ist, dass die Schüler*innen Verantwortung tragen und ihr erarbeitetes Wissen unmittelbar Sinn macht. Sie müssen es ja weitergeben. Sie reden in der Erarbeitungszeit so viel darüber und durchdenken es auf vielfältige Art und Weise, so dass ein größt möglicher Lerneffekt entsteht (Stichwort Dialogisches Lernen).

Außerdem haben die Schüler*innen selbst das beste Gefühl für Stolpersteine, die der Lerngruppe Schwierigkeiten bereiten könnten. Die kreative Phase der Entwicklung der Materialien und Unterrichtsarrangements bereitet den Schüler*innen oft große Freude und aktiviert einen anderen Bereich im Gehirn. Erfolgreiches Lernen gelingt nur über die Zusammenarbeit beider Gehirnhälften (Stichwort Ganzhetliches Lernen, Pestalozzi).

Bei LdL findet ein Lernen auf Augenhöhe statt. Denn ich berate die Schüler*innen und begleite sie in ihrem Prozess (Stichwort Lernen in Beziehung). Laut dem Neurobiologen Gerald Hüther und der groß angelegten Hattie-Studie zu gelingendem Lernen ist die Beziehung ein entscheidendes Kriterium für erfolgreiches Lernen.

 

Sechs mögliche Phasen von LdL

1) Themeneinführung

Zuerst gebe ich einen Überblick über das Phänomen (z.B. Warum fallen Flugzeuge nicht vom Himmel?) und lasse die Schüler*innen anhand einer Mindmap oder anderer konstruktivistischer Varianten ihr Vorwissen und ihre Fragen zu dem Thema vorstrukturieren.

2) Recherche

In der zweiten Phase erhalten die Schüler*innen vorbereitete Materialien und Experimentierangebote zu einem Unterthema, das zur Beantwortung der Fragestellung benötigt wird (Masse der Luft, Strömungswiderstand, Auftrieb, Zirkularströmung, Luftdruck und Unterdruck, Bernoulli-Effekt, Coanda-Effekt). Es gibt verschiedene Möglichkeiten die Teams zu bilden. Ich stelle die Teams so zusammen, dass in jedem unterschiedliche Stärken vertreten sind (Stichwort: Inklusion). Die Schüler*innen erarbeiten sich nun das Thema selbst und führen die Experimente dazu durch. Ich habe in dieser Phase eine begleitende und beratende Funktion. Das heißt ich gehe von Gruppe zu Gruppe und helfe so wie es gerade nötig ist. Manche Gruppen brauchen Unterstützung um überhaupt ins Arbeiten zu kommen andere haben Verständnisfragen oder vertiefende Fragen. Es geht in der Phase nicht darum, dass die Gruppen alles allein verstehen sondern sie dort abzuholen, wo sie gerade stehen und sie so gut es geht zu unterstützen, damit sie ihr Unterthema wirklich verstanden haben. Am Ende dieser Phase spreche ich mit jeder Gruppe welche Erkenntnisse sie gewonnen haben und was noch nicht verstanden wurde. Ich habe selbst einen Zettel mit den Mindestinhalten, die auf jeden Fall verstanden sein müssen und kann bei Bedarf nachliefern.

3) Planung einer Stunden

Nun überlegen sich die Schüler*innen, wie sie a) das Experiment präsentieren und b) die dazugehörigen Fachinhalte der Klasse beibringen. Dabei sind bestimmte Kriterien zu beachten. Die Kriterien sollten möglichst einfach gehaltet werden, wenn die Gruppe das erste Mal nach dieser Methode arbeitet (Beispiele siehe unten). Auch hier habe ich eine begleitende Funktion, sei es die Organisation eines Computers, die technische Unterstützung bei der digitalen Erstellung eines Kreuzworträtsels, das Besorgen von Zutaten für ein Experiment oder das Klären von aufkommenden Fachfragen.

4) Durchführung der Stunden

Die Schüler*innen halten ihre Unterrichtsstunden mit Themeneinstieg, Experiment, Erarbeitung und Quizphase. Es ist beeindruckend, wie interessiert die Klasse dabei mitmacht.

5) Feedback

Vor jeder gehaltenen Stunde teile ich Feedbackkarten (siehe unten) aus, so dass jeweils ein*e Schüler*in zu einem Aspekt Rückmeldung gibt. Mir ist wichtig, dass das Feedback wertschätzend und lösungsorientiert nach dem Prinzip "Das hat mir gefallen" und "Das hätte ich mir noch gewünscht" abläuft.

6) Übertragung des erworbenen Wissens auf das Phänomen

Nach jeder gehaltenen Stunde übertragen wir gemeinsam wichtige Inhalte auf unsere Ausgangsfrage (Warum fallen Flugzeuge nicht vom Himmel?) und ergänzen die Mindmap vom Beginn der Einheit. Nach der letzten LdL-Stunde kann man in den Gruppen einen Stop Motion-Film drehen lassen, wo alle Inhalte, die zur Beantwortung der Frage wichtig sind, nocheinmal gebündelt werden. Oder man nimmt einen bereits vorhandenen Youtube-Film, lässt ihn ohne Ton laufen und die Schüler*innen einen Filmkommentar dazu entwickeln.

 

Grenzen von LdL

LdL ist EIN Modell und nicht DAS Modell.  Manche Themen (Genetik) sind so abstrakt, dass ich sie nicht den Schüler*innen überlassen würde. Um LdL erfolgreich durchzuführen braucht es ein Feingefühl für die Klasse (Stichwort Beziehung). Die Teams kann ich nur gut zusammenstellen, wenn ich die Stärken jedes Einzelnen einschätzen kann. Die Begleitung in der Recherche- und Planungsphase kostet viel Zeit und ist für mich allein oft eine Herausforderung. Je nach Alter und Kompetenzen der Lerngruppe braucht es vorgefertigte Materialien, die mir ebenfalls Vorbereitungszeit abverlangen. Für freie Recherche oder die Erstellung von Materialien stoße ich oft an die Grenze den Besuch einer Bibliothek oder das Arbeiten in Computerräumen zu ermöglichen.

Wenn die Schüler*innen gewohnt waren, inklusiv und individualisiert zu lernen, entwickelten sie entsprechende offene Formate für ihre Stunden. wenn sie überwiegend Frontalunterricht kannten, haben sie sich vorn hingestellt und frontal erklärt. Dabei haben nach meiner Erfahrung sowohl die Lernenden als auch die Lehrenden am wenigsten aus der Stunde mitgenommen. Das heißt, bevor LdL eingeführt wird, empfehle ich, es mit den Schüler*innen zu entwickeln, sprich individualisierten Unterricht vorzuleben. Denn sie greifen auf ihre Erfahrungen zurück (Stichwort Konstruktivismus).

In der Regel behalten die Schüler*innen die Inhalte, die sie selbst erarbeitet haben über einen sehr langen Zeitraum. Allerdings braucht es als Lehrer*in bzw. Lernbegleiter*in Mut zur Lücke, da die Variante viele Unterrichtsstunden braucht, wodurch möglichwerweise andere Inhalte nicht geschafft werden.

 

LdL ist für mich eine gewinnbringende Variante, die neben dem Erlernen fachlicher Inhalte Raum für Teamarbeit, Präsentationskompetenzen, Kreativität, individueller Begleitung und Handlungsorientierung gibt.

 

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Feedbackkarten LdL
Feedbackkarten, von denen einzelne Schüler*innen zu Beginn einer LdL-Stunde eine Karte ziehen. Während der Stunde können sie ihr Augenmerk auf diesen einen Aspekt legen und am Ende dazu Feedback geben.
LdL Feedbackkarten.pdf
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Kompetenzraster/ Checkliste für LdL-Einsteiger
Diese Liste nutze ich mit Einsteigergruppen. Sie erhalten die Liste zu Beginn. Während des Feedbacks nimmt die Klasse darauf Bezug.
LdL Checkliste.pdf
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Kompetenzraster/ Checkliste für LdL-Fortgeschrittene
Dieses Raster habe ich mit Fortgeschrittenen genutzt. Wenn ihr nicht benoten wollt, kann die Punktezahl und die Gewichtung einfach weggelassen werden.
LdL Kompetenzraster für Fortgeschrittene
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