Ausgetretene Pfade - Warum sich unser Bildungssystem so langsam wandelt

 ETAPPEN DER BILDUNGSGESCHICHTE

 

Bis zum 12. Jahrhundert waren in unserem Kulturkreis Bildung und Christentum untrennbar miteinander verknüpft. Ausschließlich Mönche kamen in den Genuss einer schulischen Bildung. Hauptziel war das Erwerben christlicher Kenntnisse. Die Inhalte waren durch die Bibel klar vorgegeben. Mit der Herausbildung von Städten im 12. Jahrhundert und dem damit einhergehenden Handel  bildete sich eine zunehmende Anzahl wohlhabender Kaufleute heraus. Diese waren vor die Aufgaben gestellt, Briefe zu schreiben, Rechnungen zu erstellen und Verträge abzuschließen. Anfangs übernahmen das kirchliche Schüler. Da ihnen jedoch das spezifische Wissen über Handel fehlte, wurden zunehmend städtische Schulen gegründet, in denen berufsspezifisches Wissen vermittelt wurde. Damit erhielt Schule neben der kirchlichen Prägung eine neue Ausrichtung.

 

Im Zuge der Reformation Martin Luthers im 15. Jahrhundert kriselte es in den katholisch geprägten Klosterschulen. Diese Krise übertrug sich auch auf die städtischen Schulen und führte im 16. Jahrhundert zu einer großen Schulkrise. Martin Luther setzte sich für eine Schulpflicht aller Kinder ein, worauf hin in Städten und auf dem Land neue Einrichtungen gegründet wurden. Vor allem auf dem Land waren diese weiterhin stark kirchlich geprägt. Der Katechismus, das Handbuch der Unterweisung in den Grundfragen des christlichen Glaubens, war wesentlicher Bestandteil.

 

Während des 18. und 19. Jahrhunderts, also der Epoche der Aufklärung, entwickelte sich das Schulwesen zunehmend. Es entstanden erste hierarchische Schulsysteme von der Dorfschule bis zum Gymnasium. Im 19. Jahrhundert kamen erste reformpädagogische Ansätze hinzu (Lernen durch Handeln, Lernen mit allen Sinnen etc.). Die Schulpflicht wurde eingeführt, unter Widerstand von Bauern und Unternehmern. Diese hatten Sorge um den Verlust der Arbeitskraft ihrer Kinder. Mit Verabschiedung des Kinderschutzgesetzes 1839 wurden die Arbeitszeiten von Kindern deutlich eingeschränkt und die Schulpflicht gestärkt. Nun nahm der Anteil von Schüler*innen deutlich zu. Es wurden  altershomogene Klassen gebildet, die Schulpflicht auf acht Jahre festgesetzt sowie Noten und Zeugnisse eingeführt. Das Abitur wurde als Zugangsvoraussetzung für Universtitäten entwickelt. Insgesamt war die Ausbildung sehr theorielastig. Das gewerbliche Bürgertum setzte sich für eine praktische Schulausbildung ein. So entwickelten sich neben den Gymnasien und Volksschulen die Realschulen. Der Grundstein für das dreigliedrige Schulsystem war gelegt. Bedingt wurden diese Entwicklungen durch den Übergang von der Ständegesellschaft zur Leistungsgesellschaft. Von nun an waren Macht, Einkommen und Vermögen nicht mehr hierarchisch geordnet und an den Geburtsstand sondern zunehmend an die vollbrachten Leistungen gebunden. Der Leistungsbegriff war geboren.

 

Mit der Gründung des Deutschen Kaiserreiches im Jahre 1871 erhielt Schule eine militärische Ausrichtung. Zur Vermittlung gehörten Tugenden wie Gehorsam, Ordnung und Selbstüberwindung. Diese wurden u.a. durch die geradlienige Anordnung der Schulbänke und eine aufrechte Sitzhaltung mit parallel stehenden Füßen und auf dem Tisch liegenden Händen vermittelt. Der Lehrer stand frontal zur Klasse und erteilte Anweisungen wie "Klasse, Achtung!!" Das sogenannte Frageverfahren, bei dem der Lehrer hintereinander weg Fragen stellte und die Schüler*innen antworteten, gehörte zum Unterrichtsalltag. Für richtige Antworten wurde gelobt, für falsche getadelt oder gezüchtigt. Auch das Wort Unter-Richt stammt aus dieser Zeit und macht deutlich, dass es um Unter-ordnung und Aus-richtung ging. Mit dem Maschinenzeitalter wurde der Mensch zu einer wirtschaftlichen Humanressource und hatte klaren Anweisungen zu folgen. Die Schule bereitete darauf vor.

 

Erst 1920, in Zeiten der Weimarer Republik, wurde die Grundschule ergänzend eingeführt. Nun setzten sich auch vermehrt die reformpädagogischen Ansätze durch. Diese wurden im Zuge des Nationalsozialismus wieder zerschlagen und gegen ein nationalistisch ausgerichtetes Bildungssystem ersetzt. Nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelten sich in dem Gebiet der damaligen DDR die sogenannten Polytechnischen Oberschulen, die dem Prinzip heutiger Gemeinschaftsschulen von der ersten bis zur dreizehnten Klasse ähnelten. Unterrichtsinhalte und -methoden waren jedoch zentral festgelegt. In der BRD wurde das dreigliedrige Schulsysthem wieder eingeführt. Erst in den 1970er Jahren kam es aufgrund von Widerständen zum Entwurf eines Strukturplans, der u.a. Ideen für mehr Chancengleichheit und die Entwicklung einer horizontalen statt vertikalen Gliederung des Schulsystems beinhaltete. Dieser wurde jedoch nur geringfügig umgesetzt.

 

Zu jeder Zeit war Schule ein Spiegel der Gesellschaft und wurde genutzt, um den Nachwuchs an an die Notwendigkeiten der damaligen Zeit anzupassen. Inzwischen hat es unsere Gesellschaft mit einem rasanten Wandel zu tun. In Zeiten von Klimawandel, Übernutzung der Ressourcen (Welterschöpfungstag war 2018 der 01. August), Migrationsströmen und Digitalisierung ist nicht klar, worauf die Schule vorbereiten soll. Darum braucht es Konzepte, die den Umgang mit Herausforderungen, Flexibilität, eigene Potenziale und das Lernen im Team stärken. Neurobiolog*innen, Pädagog*innen und Psycholog*innen liefern zudem neue Kenntnisse über das Lernen, die die Bedeutung dieser Qualitäten stützen. Dennoch hält ein Großteil der Gesellschaft an den alten Bildungsstrukturen fest:

  • Es gibt Bemühungen von vielen Lehrer*innen, die Sitzordnung und damit auch die Ausrichtung und Arbeitsweise im Unterricht zu Team- und Gruppentischen hin zu verändern. Dennoch stehen noch immer in vielen Klassenräumen die Tische im Kaiserzeitlichen Stil, v.a. in Gymnasien (200 Jahre nach der kaiserzeitlichen Prägung). Ein großer Anteil des kindlichen und jugendlichen Alltags besteht aus Stillsitzen.
  • Noch immer werden Schüler*innen nach Leistungen und Noten separiert (200 Jahre nach Prägung des Leistungsbegriffes).
  • Abgesehen von der Überarbeitung der Lehrpläne sowie der Einführung neuer Lernmethoden bleibt die Umsetzung des Strukturplans der 1970er Jahre aus und das Schulsystem ist noch immer vertikal gegliedert (fast 50 Jahre nach Entwicklung des Strukturplans).
  • Die hierarchische Gliederung, wenn auch vielerorts modifiziert, existiert noch immer (200 Jahre nach ihrer Entstehung). Die Abschaffung der Gymnasien scheint undenkbar. In Deutschland bedingt die soziale Herkunft den Schulabschluss so stark wie in kaum einem anderen EU-Land. Chancengerechtigkeit ist noch immer nicht ausreichend gegeben. Vielmehr verstärkt sich das Zweiklassensystem (Gymnasium und Gesamtschule).
  • Noch immer wird der Begriff Unter-Richt verwendet (nach 200 Jahren).
  • Zwar bilden Bibel und Kathechismus nicht mehr die klaren Inhaltsvorgaben. An deren Stelle sind Rahmenlehrplan und das Lehrerhandbuch getreten. Noch immer geben häufig die Lehrer*innen vor, was gelernt wird und was man wissen muss (900 Jahre nach Entstehung der Klosterschulen und 500 Jahre nach Luthers Reform). Detaillierte Unterrichtsplanung mit klaren Zielen wird in jedem Referendariat gelehrt, obwohl die Antworten heutiger gesellschaftlicher Fragen nicht auf dem Lösungsbogen stehen (so wie einst im Katechismus oder der Bibel) und die Bedeutung eigener Interessen für das erfolgreiche Lernen bekannt sind.

WAS MACHT AUSGETRETENE PFADE SO ATTRAKTIV?

 

Warum halten sich diese alten Strukturen so hartnäckig? Auf einer Fortbildung mit dem Ökonom Dr. Markus Burger erhielt ich eine einleuchtende Antwort:  Die Pfadtheorie. Die Pfadtheorie besagt, dass es innerhalb von Systemen zu Beharrungstendenzen kommt. Bei einem Pfad gibt es Kreuzungen und Abbiegungen. Wird ein Pfad eingeschlagen, so sind zu Beginn an den Kreuzungen Richtungskorrekturen wahrscheinlich. Je länger ein Pfad genutzt wird, umso stabiler wird er und desto weniger Richtungsänderungen gibt es. Ein Umschwenken auf alternative Wege wird zunehmend unwahrscheinlicher.

 

Dr. Markus Burger veranschaulichte diesen Prozess am Beispiel der Computertastatur. Die Anordnung der Tasten orientiert sich bis heute an den Hebeln der Schreibmaschine, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts, also vor 300 Jahren, erfunden wurde. Damit sich beim schnellen Tippen die Ärmchen nicht verhakten, hat man die Buchstaben so angeordnet, dass es unwahrscheinlich war, die nebeneinander liegenden kurz nacheinander in Bewegung zu versetzen. Nun bewegen sich keine Ärmchen an unseren Smartphones und Tablets. Dennoch, die Tastaturanordnung ist bei fast allen Geräten noch immer die alte. Und das, obwohl das Erlernen und Schreiben mit dieser Anordnung deutlich langsamer von Statten geht als mit innovativen Tastaturmodellen. Dennoch setzen sich diese in der Breite nicht durch.

 

Ebenso scheint es mit den ausgetretenen Pfaden alter Bildungsmodelle zu sein. Obwohl es seit nunmehr 20 Jahren diverse neurobiologische, psychologische und pädagogische Erkenntnisse gibt, die viele Aspekte unseres Schulsystems hinterfragen und für Alternativen plädieren, verändert sich nur sehr wenig. Es scheint schwer geworden zu sein, den ausgetretenen Pfad zu verlassen und neue Abzweigungen auszuprobieren. Stattdessen bleiben wir auf dem Leistungs- und Anpassungspfad aus Christentum, Kaiserzeit und Industrialisierung. Die Folgen sind Leistungsdruck, Objektivierung des Individuums, wenig Vereinbarkeit von Familie, Freizeit und Schule und dadurch eine Gesellschaft, die immer zeitiger an Burnout erkrankt. Die Ökonomische Glücksforschung erklärt Leistungsdruck für glückshemmend. In Schule findet Glück bisher wenig Raum. Ursachen sind ebenfalls historisch einzuordnen. Das Christentum und damit die ersten Schulen knüpften Glück und Erfüllung an das Jenseits. Wie häufig hören Kinder und Jugendliche auch heute noch Sätze wie: "Später, wenn du mal groß bist..." oder "Das brauchst du, wenn du erwachsen bis." Die diesseitige Ausrichtung von Glück, also im Hier und Jetzt, entwickelte sich erst mit der neuen Glücksforschung. Bieten diese Erkenntnisse und Erfahrungen nicht die Möglichkeit, Schule so zu gestalten, dass jeder einzelne Schultag glücklich macht und Jugendliche gern zur Schule gehen?

 

Stattdessen halten wir an kultusministerialen Vorgaben fest und ermutigen Kinder und Jugendliche zum Bulimielernen vorgegebener Inhalte, unabhängig von ihren Stärken, Potenzialen und Neigungen. Bestimmte Kompetenzen, wie besonderes Körperbewusstsein, starkes Empathievermögen etc. finden im Rahmenlehrplan kaum Platz.  Solche Begabungen erscheinen auf den ersten Blick vielleicht nicht nützlich und nicht im Interesse leistungsorientierter Wirtschaftsmodelle. In unserer heutigen Gesellschaft mit zunehmender Heterogenität aufgrund von Migration und neuen gesundheitlichen Herausforderungen sind sie jedoch sehr von Bedeutung. Jedes Kind sollte seine individuelle Begabung entwickeln können und damit die Gesellschaft bereichern. Otto Herz sagt es so: "Die Aufgabe der Schule ist es, das Gelingen zu organisieren, nicht das Misslingen zu dokumentieren." Das was wir unter Begabungsförderung verstehen ist jedoch weniger an den Potenzialen der Kinder und Jugendlichen orientiert sondern eher eine Gleichmacherei - gleiche MSA-, BBR-, ABI-Prüfungen für alle. Dabei wird der Mensch zu einer Humanressource - für wessen Interessen eigentlich? Das Zeitalter der exzessiven Ressourcennutzung neigt sich dem Ende. Humanressourcen - angepasste, funktionierende Arbeiter, wie sie im Maschinenzeitalter gebraucht wurden  bringen uns nicht die Lösungen für die Herausforderungen der heutigen Zeit.

 

NEUE WEGE GEHEN

 

Was sind Abzweigungen, die bisher nicht genommen wurden:

- Erkenntnisse aus der Neurobiologie und ökonomischen Glücksforschung in Schule einbeziehen

- Statt Objektivierung und Messung in Noten und Leistungen braucht es die Betrachtung der Subjekte und ihrer Potenziale.

- Lernen (ohne Leistungsdruck) sorgt für Dopaminausschüttung. Dafür braucht es eine neue Lern- und Fehlerkultur.

- Weiterverfolgung der Reformpädagogik und moderner Lerntheorien (auch an Gymnasien und Universitäten).

- Erfahrungen von Pionierschulen mit alternativen Konzepten in staatlichen Schulen ausprobieren.

- Erfahrungen anderer Staaten (z.B. Skandinaviens) wahrnehmen und ausprobiert.

- Man kann nur nachhaltig lernen, wenn eine emotionale Verbindung entsteht (Begeisterung, Lernen in Beziehung) (Gerald Hüther)

- vom Hyper-Individualismus zur Gemeinschaft und Netzwerk, wo sich jeder mit seinen Potenzialen einbringt (Joana Macy)

- Lernen an echten Herausforderungen

- Lernen, Verantwortung zu übernehmen (durch Erfahrungsräume, nicht auf Arbeitsblättern) (Margret Rasfeld)

 

Was es dazu braucht? Mut. Es braucht Mut, die austetretenen Pfade zu verlassen und eine Richtung einzuschlagen, deren Ziel man nicht kennt. Es bedarf Mut, das Alte zu verlassen, obwohl das Neue noch gar nicht da ist. Es braucht Pioniere, die das Dickicht durchdringen und neue Weg frei machen. Genau diese Pioniere brauchen wir nicht nur in der Bildungsentwicklung sondern in jeglichen politischen, sozialen, ökonomischen und ökologischen Bereichen. Wie aber sollen sie heranwachsen, wenn Schule immer wieder das Alte reproduziert und es verpasst neue Erfahrungsräume zu schaffen und in neue Modelle zu investieren?

 

Margret Rasfeld Vergleich Schule 21. Jh und früher einbauen

 

Quellen:

Homepage der Stadt Bochum

Konrad, Franz-Michael (2007): Geschichte der Schule. Von der Antike bis zur Gegenwart. München.

Prof. Dr. Karlheinz RuckriegelDr. Markus Burger

 Akademie für Potentialentfaltung

 Esch, Tobias (2014): Die Neurobiologie des Glücks - Wie die positive Psychologie die Medizin verändert. Stuttgart.

Blickhan, Daniela (2015): Positive Psychologie - Ein Handbuch für die Praxis. Paderborn.

 

Bild oben links: Renschgro "Museum Synagoge Groebzig, Schule", some rights reserved, Quelle: www.piqs.de

Bild unten links: Tino Bauer "Ort der Entscheidung", some rights reserved, Quelle: www.piqs.de

Bild Mitte rechts: Heytt "Die gute alte Zeit, some rights reserved, Quelle: www.piqs.de